Männlicher Feminismus?: Was Männer wirklich über Frauen denken

In "Wenn die letzte Frau den Raum verlässt: Was Männer wirklich über Frauen denken" schreiben die Autoren Herr und Speer darüber, wie sie feministische Perspektiven an den Mann bringen wollen. Denn: "Jeder Mann sollte Feminist sein." Unsere Autorin fragt sich: Ein weiterer Heldenepos oder wahre Verbündete?

Mar 28, 2025 - 12:44
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Männlicher Feminismus?: Was Männer wirklich über Frauen denken

In "Wenn die letzte Frau den Raum verlässt: Was Männer wirklich über Frauen denken" schreiben die Autoren Herr und Speer darüber, wie sie feministische Perspektiven an den Mann bringen wollen. Denn: "Jeder Mann sollte Feminist sein." Unsere Autorin fragt sich: Ein weiterer Heldenepos oder wahre Verbündete?

Was passiert, wenn die letzte Frau den Raum verlässt? Wie sprechen und denken Männer wirklich über Frauen, wenn sie sich nicht beobachtet fühlen? Manchmal bekommen wir Ausschnitte geliefert, wie es ablaufen könnte: Eine Männergruppe grölend in der Bahn, auf dem Weg zum Fußballspiel, äußert sich abfällig über 'die Weiber', am Nebentisch in der Kneipe wird über die 'zickige Kollegin' hergezogen. Wenn ich solche feindseligen Aussagen höre, frage ich mich oft, mögen Männer Frauen überhaupt? Haben sie keine Partnerinnen, Töchter, Schwestern, Freundinnen? Und wenn sie so in der Öffentlichkeit über Frauen reden, wie dann erst, wenn sie sich völlig unter sich fühlen?

Männer, die Frauen Feminismus erklären?

Hier kommen Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer ins Spiel, die den neuen Spiegel-Bestseller "Wenn die letzte Frau den Raum verlässt: Was Männer wirklich über Frauen denken", geschrieben haben. Die Autoren besuchen als Berater Organisationen und Unternehmen, um dort über Geschlechtergerechtigkeit und feministische Perspektiven zu sprechen, oft in reinen Männerrunden. Das Buch ist eine Sammlung aus Erfahrungsberichten und soll – so vermute ich – vor allem Männer anregen, ihre Verhaltensweisen zu reflektieren. Denn: "Jeder Mann hat sich schon mal sexistisch verhalten, wir auch", schreiben Herr und Sperr im Buch. 

Ich gebe zu, ich war mehr als skeptisch, als ich das Rezensionsexemplar in den Händen hielt. Mein erster Gedanke: Zwei Männer, die uns Feminismus erklären wollen? Das kommt in die Büchertauschkiste. Als hätten nicht Feminist:innen etliche Jahre unermüdlich über Ungerechtigkeiten aufgeklärt und für Gleichberechtigung gekämpft. Den Internationalen Frauentag gibt es schließlich schon seit 1911, also seit über 100 Jahren. Ein Urteil wollte ich mir trotz aller Skepsis bilden: Ich las also das Vorwort, etwas widerwillig und mit dem Gedanken, dass ich ja jederzeit aufhören könnte, wenn sich meine Vorbehalte bestätigen sollten. Spoiler: Ich habe nicht aufgehört, im Gegenteil. Ich habe das gesamte Buch gelesen – und ... empfehle es sogar weiter.

Es braucht männliche Verbündete

Im Vorwort beleuchten Herr und Speer die zwei gegensätzlichen Bewegungen, mit denen wir als Gesellschaft im Moment zu tun haben. Auf der einen Seite erhalten Diversitätsthemen mehr Aufmerksamkeit als früher. Fehltritte werden nicht mehr ignoriert, sondern ziehen immer öfter Konsequenzen nach sich. Ich ziele hier auf Fälle, wie El Hotzo, Luke Mockridge und Thilo Mischke, die allesamt für ihren Sexismus outgecallt wurden. Auf der anderen Seite nimmt der Widerstand gegen eben diese Veränderungen zu. Männer sorgen sich um ihre Zukunft, denn: "Der Verlust von Privilegen fühlt sich oftmals wie eine Ungerechtigkeit an", so die Autoren. Die beiden stellen fest: Der Redebedarf derjenigen, die in ihren Seminaren sitzen, ist dementsprechend groß. 

"Die meisten der anwesenden Männer zeigten wenig Verständnis für weitergehende Gleichstellungsmaßnahmen", schreiben die Berater über ihre Seminare. Sexismus werde geleugnet, sich in Ausreden oder Stereotypen verloren – die Autoren scheuen sich nicht davor, die Fakten ungeschönt auf den Tisch zu legen. Aus diesen Gesprächsrunden-Protokollen nehme ich als Leserin vor allem eines mit: Es ist frustrierend bis beunruhigend, wie Männer sich verhalten, wenn keine einzige Frau im Raum ist. 

Und was ist nun die Rolle der Autoren? Sie vermitteln. Schaffen es, Sprachrohr der Frauen zu sein und dennoch Männern die Möglichkeit zu geben, ihre Ängste und Sorgen im Bezug auf Gleichstellungsfragen, wie der Frauenquote, zu äußern, sie zu kontextualisieren und im besten Fall sogar zu widerlegen. Denn selbst Männer, die nichts gegen Feminismus haben, bekennen oft zu wenig Flagge. "Wir brauchen nicht Männer, die es in der Theorie gut finden, sich zu verbünden, sondern Männer, die im Alltag tatsächliche und effektive Verbündete sind", schreibt Herr auf LinkedIn 

Der Wolf im Feministenpelz

Meine Bedenken, das Buch könnte eine selbstdarstellerische Heldengeschichte sein, von zwei Männern, die sich Feminismus auf die Fahne schreiben, bewahrheitet sich zum Glück nicht. Er kommt aber nicht ganz unberechtigt daher, wie ich im Kapitel "Der Wolf im Feministenpelz" bestätigt werde. Herr und Speer teilen die Männer, die an ihren Seminaren teilnehmen, in Kategorien ein: der Alphamann, der Sexist, der Statistiker ... und der Wolf im Feministenpelz. 

"Der ach so feministisch eingestellte Mann entpuppt sich als Kritiker der Geschlechtergerechtigkeit und sieht diese lediglich als Vehikel für das eigene Vorankommen", heißt es im gleichnamigen Kapitel. "Er kleidet sich im Tarngewand eines aufgeklärten und engagierten Verbündeten, handelt aber nicht aus Überzeugung für die Sache, sondern verfolgt in erster Linie eigennützige Motive", schreiben die Autoren weiter. Über die prompte Entlarvung der Deckmantel-Femininsten von Männerseite aus habe ich mich besonders gefreut, weil hier ein wichtiger Appell mitschwingt, nämlich "bitte, liebe Männer, verkauft Frauen nicht für blöd". 

Authority Gap: Traurig, aber wahr

Insgesamt lese ich lieber von Menschen, die tatsächlich Diskriminierung erfahren, also von Frauen, queeren Menschen, Menschen mit Behinderung, people of color – die sich für feministische Themen starkmachen. Ganz simpel: weil ich mit ihnen mitfühlen kann. Trotzdem steigt meine Hoffnung, dass diejenigen, die es angeht, ihr Verhalten möglicherweise eher reflektieren, wenn sie von "Artgenossen" den Spiegel vorgehalten bekommen. 

Buchcover: "Wenn die letzte Frau den Raum verlässt"
Das Buch analysiert die Gedanken- und Sorgenwelt von Männern, entkräftet ihre Argumente und liefert einen Plan, wie wir sie zu Verbündeten im Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit machen können. März 2025 im Ullstein Verlag erschienen, 19,99 Euro.
© PR

Auch in "Wenn die letzte Frau den Raum verlässt" heißt es: "Es gilt, das männliche Privileg des Ernstgenommenwerdens, das uns nicht aufgrund von Leistung oder Talent, sondern rein aufgrund unseres Geschlechts zur Verfügung steht, zu nutzen." Mit ihrem Buch schlagen sich die Autoren auf die Seite der Frauen, ohne sich dafür übermäßig zu feiern – und werden damit zu echten Verbündeten, die wir im Kampf für Gleichberechtigung so dringend brauchen. Ich wünsche mir mehr Männer von dieser Sorte. Daher wird dieser Bestseller auf dem Geburtstagstisch meines Vaters, Bruders und Partners landen.