Osteoporose in der Menopause: "Wie stark sind meine Knochen?"

Weitverbreitet, häufig zu spät entdeckt: Osteoporose. Viele Frauen nach der Menopause sind davon betroffen. Dabei kann man rechtzeitig gegensteuern.

Mar 29, 2025 - 13:22
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Osteoporose in der Menopause: "Wie stark sind meine Knochen?"

Weitverbreitet, häufig zu spät entdeckt: Osteoporose. Viele Frauen nach der Menopause sind davon betroffen. Dabei kann man rechtzeitig gegensteuern.

Kerstin Nicolaus hätte nicht glücklicher sein können. Die 63-Jährige ist Vollblut-Politikerin und sitzt seit 1994 als Abgeordnete für die CDU im sächsischen Landtag. Sie arbeitet gerne und viel, oft auch bis spät in den Abend und am Wochenende. "Ich fühlte mich rundherum wohl und voller Energie", erinnert sie sich. "Bis ich am Tag der Vereidigung nach der Landtagswahl im Herbst 2019 plötzlich so schreckliche Rückenschmerzen bekam wie noch nie zuvor in meinem Leben."

Schon morgens schaffte sie es kaum aus dem Auto, nahm Schmerzmittel, um die Sitzung zu überstehen. Auf dem Heimweg wurde es sogar noch schlimmer. Kerstin Nicolaus pumpte sich mit Medikamenten voll, biss die Zähne zusammen und arbeitete trotzdem weiter – bis sie es zehn Tage später nicht mehr aushielt und in die Notaufnahme fuhr. Eine Computertomografie zeigte, dass ihr neunter Brustwirbel in sich zusammengefallen war. "Dadurch wurden auch Nerven gequetscht“, erzählt sie. "Das hatte die höllischen Rückenschmerzen ausgelöst." Die Ärzte erklärten ihr, dass Osteoporose zum Wirbelbruch geführt hatte.

Knochenschwund ist eine Volkskrankheit. Mehr als sechs Millionen Deutsche haben poröse Knochen, die leicht brechen. Meist sind es Frauen. Sie machen 80 Prozent aller Erkrankten aus, ab 65 ist ungefähr jede Vierte betroffen. Jedes Jahr erkranken mehr als 800 000 Menschen über 50 Jahren neu an Osteoporose – Tendenz weiter steigend. "Osteoporose ist eine stille und chronische Erkrankung, die sich schleichend entwickelt und meist über viele Jahre keine Beschwerden verursacht", sagt Professor Andreas Kurth, Facharzt für Orthopädie und Osteologie und Past-Vorsitzender des Dachverbands Osteologie. "Die meisten Patienten erhalten erst nach einem Knochenbruch die Diagnose und die passende Behandlung."

Typisch ist, dass die Betroffenen sich bei einem harmlosen Sturz aus Standhöhe, also wenn sie zum Beispiel stolpern oder ausrutschen, eine Fraktur zuziehen, insbesondere an Wirbelsäule, Unterarm oder Oberschenkelhalsknochen. Es kann aber auch sein, dass die Wirbel zusammenrutschen und die Patientinnen innerhalb eines Jahres um vier Zentimeter oder mehr kleiner werden. So eine stille Wirbelkörperfraktur kann ein erster Hinweis auf Osteoporose sein. Kommen Rückenschmerzen hinzu, ist das häufig der Auslöser, um genauer zu untersuchen und die Erkrankung zu entdecken.

In der Klinik wurde bei Kerstin Nicolaus die Knochendichte bestimmt. Bei der sogenannten DXA-Messung durchleuchten gering dosierte Röntgenstrahlen Lendenwirbelsäule und Oberschenkelhals. "Der T-Wert gibt dabei an, um wie viele Einheiten die Knochendichte von der abweicht, die man für eine 30-jährige Person als Standard annimmt", erklärt der Experte. Denn in diesem Alter haben die Knochen die höchste Dichte. Dass der Wert dann mit den Jahren sinkt, ist völlig normal. Bei Frauen beschleunigt sich der Knochenabbau allerdings etwa ab dem 50. Lebensjahr. "Das weibliche Geschlechtshormon Östrogen bremst den Knochenabbau“, sagt Andreas Kurth. „Wenn mit den Wechseljahren der Hormonspiegel sinkt, geht diese Bremse verloren."

Bei Kerstin Nicolaus ergab die Messung, dass die Dichte ihrer Knochen stark zurückgegangen war. Im Alter von Mitte 40 waren aufgrund eines sehr großen Myoms ihre Gebärmutter, Eierstöcke und Eileiter entfernt worden. Eigentlich hätte sie eine Hormontherapie benötigt, denn ihr Körper produzierte von einem Tag auf den anderen kein Östrogen mehr. "Darüber wurde ich leider nicht informiert", erzählt sie. "Bis zu meiner Diagnose hatte ich mich ehrlich gesagt auch nicht mit Osteoporose beschäftigt. Das war kein Thema für mich."

Der Knochenschwund kann auch andere Ursachen haben und etwa als Begleiterscheinung anderer Krankheiten oder als Folge von Medikamenten, insbesondere Kortison, auftreten. Genetische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle.

Generell gilt: Je frühzeitiger der Abbau entdeckt wird, umso besser lässt sich verhindern, dass es jemals zur Fraktur kommt. Ist die Knochendichte erst einmal verringert, lässt sich der Prozess zwar nicht umkehren, aber immerhin aufhalten. Andreas Kurth empfiehlt, so aktiv wie möglich zu sein: "Wer sich fit hält, verzögert den Abbauprozess, denn zwischen Muskeln und Knochen besteht ein enges Zusammenspiel. Bei jeder Bewegung ziehen die Muskeln am Knochen und geben so den Reiz zum Knochenwachstum." Geeignet sind etwa Gymnastik, Krafttraining, Wandern oder Nordic Walking. Ältere sollten Balance und Koordination trainieren, um Stürzen vorzubeugen.

Zudem sollte die Ernährung viel Eiweiß und Kalzium enthalten. Als Richtwerte nennt Kurth etwa 1000 Milligramm Kalzium und je Kilogramm Körpergewicht etwa ein Gramm Eiweiß pro Tag. Viel Kalzium steckt in fettarmer Milch und Buttermilch sowie in Nüssen und Samen, in grünem Gemüse wie Brokkoli und Grünkohl, Beeren, Kiwi und Trockenobst. Auch gut: Statt Leitungswasser lieber Mineralwasser trinken. Dieses sollte pro Liter mehr als 300 Milligramm Kalzium enthalten. "Damit Kalzium vom Körper gut aufgenommen werden kann, ist eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D wichtig", sagt Kurth. Zudem rät er, auf Nikotin zu verzichten und nur wenig Alkohol zu trinken, beide Stoffe beeinträchtigen den Knochenstoffwechsel.

Diese Basismaßnahmen sind allerdings nicht ausreichend, wenn bereits eine Osteoporose vorliegt. Dann kommen immer auch Medikamente zum Einsatz, die in den Knochenstoffwechsel eingreifen. Mittlerweile gibt es eine Reihe vielversprechender Präparate, die individuell auf jeden Patienten abgestimmt werden. Frauen nach der Menopause bekommen meist für drei bis fünf Jahre sogenannte Bisphosphonate, die den Knochenabbau hemmen. "Reicht diese Wirkung nicht aus, können gentechnisch hergestellte Antikörper – sogenannte Biologica – sehr effektiv den Knochenabbau unterdrücken", so Kurth. "Der Wirkstoff Denosumab wird beispielsweise alle sechs Monate gespritzt und stört Bildung, Funktion und Überleben der knochenabbauenden Zellen." Ist das Risiko für einen Bruch besonders hoch, ist der neue Wirkstoff Romosozumab das erste Medikament, das recht effektiv den Knochen wieder aufbaut.

Kerstin Nicolaus bekam verschiedene Präparate, zuletzt spritzte sie sich Romosozumab einmal im Monat. Mittlerweile hat ihre Knochendichte wieder zugenommen. Um zu verhindern, dass sich das neu gebildete Material wieder abbaut, erhält sie jetzt als Anschlusstherapie Denosumab. Sie hofft, dass ihr auf diese Weise ein weiterer Bruch erspart bleiben wird. Denn die Wirbelkörperfraktur setzte ihr sehr zu. Nach der OP, in der der Wirbel wieder aufgerichtet wurde, dauerte es mehrere Monate, bis sie wieder ohne Schmerzen laufen konnte.

Heute geht es ihr zum Glück wieder gut. Damit das auch so bleibt, geht sie mit ihrem Ehemann Mario regelmäßig tanzen. "Das macht uns beiden nicht nur viel Spaß, sondern trainiert auch unsere Muskeln und hält die Knochen stark."