Judith Rakers: "Der Garten lehrt mich, dass ich nie Herrin der Lage bin"

Seit Judith Rakers Stadt plus »Tagesschau«-Job gegen ein Häuschen auf dem Land getauscht hat, findet ihr Leben mit der Natur statt – und fühlt sich endlich wieder stimmig an.

Apr 5, 2025 - 18:26
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Judith Rakers: "Der Garten lehrt mich, dass ich nie Herrin der Lage bin"

Seit Judith Rakers Stadt plus »Tagesschau«-Job gegen ein Häuschen auf dem Land getauscht hat, findet ihr Leben mit der Natur statt – und fühlt sich endlich wieder stimmig an.

BRIGITTE: Frau Rakers, können Sie sich an den Moment erinnern, in dem Ihnen klar wurde: Ich muss raus aus der Stadt?

Judith Rakers: Das war keine Initialzündung, eher eine Entwicklung, die in mir stattgefunden hat. In den letzten Jahren meines Stadtlebens in Hamburg fehlte mir die Natur im Alltag immer mehr. Ich habe dann versucht, in jeder freien Minute meine Zeit im Grünen zu verbringen, aber mich zunehmend gefragt, warum ich mir das nur in kleinen Dosen gönne – und nicht jeden Tag.

Bei vielen bleibt es bei dieser Frage.

Es gibt so Wendepunkte im Leben, wo man noch mal ganz neu überlegen kann: Wie will ich leben? Nach der Trennung von meinem Mann, der immer unbedingt in der Stadt wohnen wollte, musste ich mir sowieso eine neue Wohnung suchen. Da habe ich mir gesagt: Okay, dann zieh ich das jetzt durch, alleine.

Sie haben vor sieben Jahren Ihre Stadtwohnung gegen ein Häuschen am Rande eines Naturschutzgebiets eingetauscht – ohne städtischen Wasseranschluss.

Vielen wäre das sicher zu abgelegen, aber für mich ist es gerade genau das Richtige. Ich bin heute ein anderer Mensch als noch mit 25. Ich habe mein sehr urbanes Leben lange geliebt, mittlerweile sind mir andere Dinge wichtiger. Und ich glaube, für den inneren Frieden ist es wichtig, sein Leben dann tatsächlich zu verändern, statt die ganze Zeit das Gefühl zu haben, irgendwas stimmt nicht. Ich empfinde es als großes Privileg, dass ich diesen Weg dann auch gehen konnte.

Ihr "Tagesschau"-Abschied letztes Jahr hat dann doch überrascht.

Dieser Schritt wurde oft "mutig" genannt, für mich war er folgerichtig, damit ich mich noch mehr auf die Dinge konzentrieren kann, die mir wichtig geworden sind in den letzten Jahren: meine Bücher, der Aufbau einer nachhaltigen Produktlinie mit Gartenwerkzeugen und seltenem Bio-Saatgut, die kreative Arbeit an Lernspielen für Kinder zum Thema Natur und Garten. Ich bekomme immer noch viele Zuschriften, oft von Frauen, die mir schreiben, dass es ihnen Mut gemacht hat, zu sehen, dass man sich auch in der Mitte des Lebens noch mal neu ausrichten kann.

Sie bauen auch selbst Gemüse und Obst an. Warum macht gerade Gärtnern Sie so glücklich?

Viele von uns arbeiten in Berufen, bei denen man sich am Ende eines Tages fragt: Es war so stressig heute, aber was habe ich eigentlich gemacht? Im Garten sehen Sie genau, was Sie geschafft haben. Sie können es anfassen, riechen, schmecken, essen. Das ist sehr sinnstiftend. Und Sinn führt oft zu Glück. Mal abgesehen vom Sauerstoff, vom Licht, der körperlichen Bewegung …

Alles gut für Körper, Kopf und Seele.

Wenn ich im Garten bin, vergesse ich die Zeit. Das ist es wohl, was viele Achtsamkeit nennen: Man pflanzt ein, man kümmert sich, der Kopf und die Hände tun das Gleiche, und in so einem Moment bin ich ganz bei mir und bei dieser einen Sache. Mal kein Multitasking, nicht 23 Projekte parallel auf 20 Spuren. Wenn ich dann abends reinkomme, dreckige Hände, im Sommer auch dreckige Füße, zig Mückenstiche, geschafft und glücklich – dann sehe ich mein Handy, das die ganze Zeit auf dem Küchenblock lag, und hab’s nicht eine Minute vermisst!

Andererseits kann einen ein Garten oder Balkonbeet auch aufreibend sein, wenn mal so gar nichts nach Plan läuft, weil die Natur übernimmt. Fällt es Ihnen leicht, da die Kontrolle abzugeben?

Als "Tagesschau"-Sprecherin musste ich in jedem Moment souverän bleiben, auch bei plötzlicher Änderung der Nachrichtenlage oder in Pannensituationen. Der Garten lehrt mich nun, dass ich nie Herrin der Lage bin. Egal, wie gut ich mich vorbereite, und auch wenn ich mir richtig viel Mühe gebe und wirklich alles nach Handbuch mache – ich habe vieles nicht unter Kontrolle. Wie bei meinem Mirabellenbaum.

Was war mit dem?

Kurz nach meinem Einzug, ich war ja noch Neuling bei der Gartenarbeit, habe ich einen Mirabellenbaum im Garten entdeckt. Voller Vorfreude hatte ich mich schlau gemacht, wie man Sirup oder Marmelade kocht, mir das komplette Equipment fürs Einmachen besorgt – und hab den Baum ab da genau beobachtet. Dann bin ich in den Urlaub gefahren, die Früchte sahen noch nicht ansatzweise gelb aus – doch als ich wiederkam, hing keine einzige Mirabelle mehr am Baum, die Früchte waren innerhalb von Tagen reif geworden, die Vögel hatten alles aufgefressen. Mir wurde klar: Okay, die Natur wartet nicht auf dich, sie macht ihr Ding – und entweder bist du da, oder du verpasst es eben.


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Sind Sie heute Selbstversorgerin?

Wenn Selbstversorgung bedeutet, dass man nicht mehr einkaufen geht, dann bin ich keine. Wenn es bedeutet, dass man kein Gemüse mehr zukaufen muss, dann bin ich eine. Ich baue mittlerweile über 80 verschiedene Obst- und Gemüsesorten an und kann sogar noch einiges verschenken von meiner Ernte. Aber wenn ich im Dezember mal Heißhunger auf frische Tomaten habe, kaufe ich sie mir auch mal im Supermarkt.

Der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit bringt viele zum Gärtnern.

Ja, weil es ja auch so einfach ist. Das Gemüse, das ich selbst anbaue im Garten oder auf dem Balkon, hat die kürzeste Lieferkette der Welt. Und man kann es ohne jeglichen Chemieeinsatz anbauen. Laut Statistik hat fast die Hälfte aller Bundesbürger einen Garten. Wenn dort alle ihr Obst und Gemüse selbst anbauen würden: Was das für einen Unterschied machen würde! Und wer keinen Garten hat, nutzt den Balkon oder einen Schrebergarten oder ein Stück Mietland in einem "Urban Gardening Projekt". Wenn viele Menschen Kleines bewirken, kommt am Ende doch was Großes dabei raus. Aber es gibt auch ganz egoistische Gründe, mit dem Gemüseanbau zu starten.

Welche denn?

Es ist so viel leckerer, etwas zu essen, das man direkt vom Strauch pflückt! Die Tomaten aus dem eigenen Beet sind viel geschmacksintensiver als die aus Spanien. Nachhaltigkeit hat nicht immer mit Verzicht zu tun, sondern ganz im Gegenteil mit Reichhaltigkeit. Viele Gemüsesorten habe ich durch meinen Garten überhaupt erst entdeckt.

Mir als Städterin ging es so, als ich mal eine Bio-Kiste bestellt habe.

Ja, ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir im Supermarkt eine Pastinake zu kaufen. Was für eine hässliche pigmentlose Möhre, habe ich immer gedacht. Und jetzt ist sie eines meiner Lieblingsgemüse. Als ich sie das erste Mal geerntet habe, dachte ich allerdings: Na, was mach ich denn jetzt mit dir? Wie bereitet man dich bloß zu? Ich bin bei meinem alleinerziehenden Vater und mit Fertiggerichten aufgewachsen. Großartig kochen war da meist nicht.

Sie hatten anfangs auch kein gärtnerisches Know-how.

Bei mir ist immer alles eingegangen, jede Zimmerpflanze, jedes Basilikum. Deswegen dachte ich: Diesen grünen Daumen, von dem immer alle reden, habe ich nicht. Aber heute weiß ich, den gibt es auch gar nicht, Gärtnern ist kein angeborenes Talent. Man muss es einfach nur machen! Ich habe mir nach dem Umzug aufs Land Bücher besorgt und mich in Onlineforen schlau gemacht. Und dann habe ich einfach ganz, ganz viel ausprobiert.

Welche Erfahrungen haben Sie da so gesammelt?

Zum Beispiel, dass es Gemüse mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen gibt. Und allen, die einsteigen, will ich sagen: Leute, nehmt nicht die Tomate, fangt mit Pflücksalat und Radieschen an, dann habt ihr schnelle Erfolge und bleibt motiviert! Die Tomate ist eine pflegeintensive und zickige Diva: Jetzt, Ende Februar, Anfang März, muss man sie vorziehen, dann in kleine Töpfe pikieren, und Anfang Mai stundenweise nach draußen stellen, damit sie sich an die Sonne und den Wind gewöhnt. Und erst nach den Eisheiligen, also Mitte Mai, darf sie an ihren endgültigen Platz, wo sie dann aber immer wieder hochgebunden und ständig ausgegeizt werden möchte.


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Die Zeit muss man erst mal haben.

Dafür versorgt sie sich dann später, wenn sie groß ist, so gut wie von selbst. Wussten Sie, dass eine Tomate bis zu zwei Meter lange Wurzeln entwickeln kann? Da braucht man selbst im Sommer kaum zu gießen – es sei denn, Sie haben Ihre Tomate zu sehr verwöhnt. Ich möchte aber noch etwas zum Thema Zeit sagen.

Bitte, gern.

Ich finde nicht, dass der Gemüseanbau im Garten oder auf dem Balkon viel Zeit braucht. Das Gemüse wächst, ohne dass man daneben steht. Viele Menschen denken ja auch, dass man ständig Unkraut jäten muss. Muss man nicht. Solange es den Gemüsepflanzen nicht das Licht nimmt, kann das Unkraut gern im Beet bleiben. Meine Hühner sind übrigens auch autark.

Autarke Hühner: klingt gut!

Der Trick ist, eine kleine elektrische Klappe in den Stall einzubauen. Die öffnet sich, wenn die Sonne aufgeht und schließt sich wieder, wenn sie untergeht. Ich muss also nicht mit ihnen aufstehen. Zum Glück.

Wie viele wohnen denn bei Ihnen?

Im Moment sind es neun, ganz verschiedene Rassen, Diversity wird bei mir im Stall großgeschrieben (lacht). Untereinander verstehen die sich alle wunderbar. Ich kann Hühner nur empfehlen! Wer 20 Quadratmeter Platz hat, kann problemlos drei bis vier halten und eine kleine Familie damit versorgen. So leistet man auch einen echten Beitrag zum Tierschutz, denn diese Hühner leben schon mal nicht in Industriehaltung. Außerdem essen Hühner praktischerweise alles, was in der Küche übrig bleibt. Und sie sind sehr lustige Tiere.

Halten Sie auch Hähne?

Nur einen, er heißt Mono, weil er der Einzige war, der aus einem Gelege von zehn Eiern geschlüpft ist.

Und jetzt hat er im Stall das Sagen?

Vor allem kümmert er sich. Er ruft die Hennen, wenn es Futter gibt, passt auf, während sie fressen, beobachtet den Himmel und warnt sie vor Feinden. Und erst, wenn die Hennen fertig sind und genug haben, frisst auch er. Hähne sind echte Gentlemen.

Welche Pläne haben Sie noch für Ihre kleine Farm? Vielleicht ein Bed and Breakfast?

Nein, das ist mein Rückzugsort und soll es auch bleiben, aber keine Sorge, mir fällt noch genug ein, was ich hier im Grünen voranbringen kann.

Natur & Seele: Was sagt die Psychologie?

Hilft gegen Stress

Schon 20 Minuten tägliches Gärtnern genügen, um zur Ruhe zu kommen. Studien zeigen: Sogar bei ehemaligen Soldaten mit posttraumatischer Belastungsstörung sanken durch Gartenarbeit Stresshormone, und sie fühlten sich weniger depressiv.

Mental wird durchgelüftet

Je mehr wir uns in die Arbeit mit unseren Händen verlieren, umso freier werden wir im Kopf, um Gedanken und Gefühle zu sortieren und zu verarbeiten, sagt Sue Stuart-Smith, britische Psychiaterin und Psychotherapeutin. Ein Garten zeige auch neue Perspektiven auf und vermittle uns: Trotz allem geht das Leben weiter. Ihr Buch "Vom Wachsen und Werden: Wie wir beim Gärtnern zu uns finden" (Piper) ist spannender Lesestoff!

Lässt sich therapeutisch nutzen

Die "Gartentherapie" ist in Großbritannien und den USA sehr populär und auch bei uns im Kommen. Sie will durch Buddeln und Pflanzen Verhaltensstörungen verbessern, kognitive und sprachliche Fähigkeiten verbessern oder auch Menschen mit Demenz helfen. Infos z. B. unter iggt.eu/de

Meine drei besten Garten-Hacks

1. Mischkultur bringt’s

Die richtige Nachbarschaft im Beet oder Pflanzkasten ist die halbe Miete, wenn es um Schädlingsbekämpfung geht. Wenn Sie zum Beispiel Möhren in einer Reihe neben Zwiebeln pflanzen, hält der Duft der Zwiebel die Möhrenfliege fern und der Duft der Möhre die Zwiebelfliege. Oder: Baut man Gurken und Basilikum im selben Beet an, kann das Basilikum dafür sorgen, dass die Gurkenpflanze nicht so schnell Mehltau bekommt. Aber Vorsicht, es gibt auch Nachbarn, die sich schaden. Eine Mischkulturtabelle hilft. Mehr Infos dazu unter homefarming.de

2. Pferdeäpfel sind der beste Dünger

Warum? Weil sie so humusreich sind. Ich dünge damit ausschließlich, und mein Gemüse wird gefühlt immer doppelt so groß. Pferdeäppel-Dünger in Pelletform gibt’s im Handel, wer mag, kann auch an einem Reitstall vorbeifahren (Eimer mit Deckel nicht vergessen!) und fragen, ob man Pferdeäpfel mitnehmen darf. Diese müssen dann allerdings vier, fünf Monate liegen, bevor man sie auf die frischen Pflanzen geben kann.

3. Schnecken aussperren

Das Einzige, was meiner Meinung nach wirklich verlässlich hilft, ist ein Schneckenzaun, der oben einen doppelt gekanteten Abschluss hat – wie eine umgedrehte 1 mit Häkchen. Das ist eine mechanische Barriere, die eine Schnecke nicht überwinden kann. Aber Achtung: Wenn Schnecken schon im letzten Jahr ein Thema waren, haben sie vermutlich Eier ins Beet gelegt; in dem Fall am besten 15 Zentimeter Boden abtragen und erst dann die Erde einzäunen, sonst wird man sie nicht los.