Bestsellerautor Klaus-Peter Wolf: "Manchmal erschrecke ich, was ich den Figuren angetan habe"
Krimiautor Klaus-Peter Wolf spricht über die Verfilmung seiner Romane und gewährt Einblicke in seinen kreativen Prozess.

Krimiautor Klaus-Peter Wolf spricht über die Verfilmung seiner Romane und gewährt Einblicke in seinen kreativen Prozess.
Im April feiern gleich drei Romanverfilmungen von Klaus-Peter Wolf (71) ihre Premiere im Fernsehen: "Ostfriesenfluch" (5. April), "Ostfriesenhölle" (18. April) und "Ostfriesen Totenstille" (25. April). Der gebürtige Gelsenkirchener, der als der meistverfilmte Romanschriftsteller deutscher Sprache gilt, hat über Jahre hinweg in seiner Wahlheimat Ostfriesland ein Universum erschaffen, in dem Spannung, tiefgehende Charaktere und gesellschaftliche Fragestellungen miteinander verwoben sind.
Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news gibt der Bestsellerautor Einblicke in seinen kreativen Prozess und die Transformation seiner Geschichten vom Papier auf den Bildschirm. Doch was genau bedeutet es für einen Schriftsteller, wenn die von ihm erschaffenen Figuren plötzlich in einem völlig anderen Medium leben? Wie beeinflusst die Zusammenarbeit mit Filmschaffenden seine eigene Arbeit? Und vor allem, was macht seine Kriminalromane zu einem einzigartigen Erlebnis? Klaus-Peter Wolf gibt im Gespräch nicht nur Antworten auf diese Fragen, sondern reflektiert auch, welche große Rolle ein kleines Café im ostfriesischen Städtchen Norden für seinen Schaffensprozess spielt.
Herr Wolf, gleich drei Ihrer Romane feiern im April TV-Premiere - wie fühlt es sich an, wenn Ihre Geschichten im Fernsehen zum Leben erwachen?
Klaus-Peter Wolf: Es ist ein Abenteuer für mich. Figuren, die ich erfunden habe, werden plötzlich auf eine andere Art lebendig und manchmal erschrecke ich, was ich ihnen angetan habe. Spannung entsteht ja dadurch, dass ich Personen unter Druck setze und wir sie in Krisen agieren sehen. Nur in Krisen entwickeln sich ja Menschen. Inzwischen sehe ich beim Schreiben oft die Schauspieler vor mir. Das inspiriert mich enorm.
Welche Rolle spielen Sie bei den Verfilmungen?
Wolf: Ich habe einen Beratervertrag mit der Filmfirma und ich berate sie wirklich. Ich rede mit den Drehbuchautoren, den Regisseurinnen und natürlich mit den Schauspielern. Wir sind in einem regen Austausch, auch mit den Locationscouts und Szenenbildnern spreche ich. Film ist Teamwork. Wer nicht teamfähig ist, gehört da nicht hin. Ich bestimme nicht, was geschieht, aber ich beeinflusse es.
Sie sind der meistverfilmte Romanschriftsteller deutscher Sprache. Worauf führen Sie diesen enormen Erfolg zurück?
Wolf: Wenn ich schreibe, gehe ich ganz in die Figuren hinein, sehe aus ihrer Sicht die Welt. Dann verwandelt sich alles für mich. Ich habe andere Lieblingsspeisen, einen anderen Musikgeschmack, eine andere politische Meinung, ja ich werde zu einer anderen Person. Später merken die Schauspielerinnen und auch die Regisseure, dass die Rollen keine leblosen Hülsen sind. Sie agieren nicht als Marionetten, sondern können die Rollen wirklich spüren und aus ihrem Inneren heraus spielen. Ich glaube, deswegen werden meine Romane so gern verfilmt.
Schauen Sie sich alle Verfilmungen an? Wenn ja, welche Ihrer Figur ist Ihnen besonders ans Herz gewachsen?
Wolf: Ich sehe schon die Rohschnitte, dann die Feinschnitte und bevor der Film ausgestrahlt wird, habe ich ihn zigmal gesehen. Manches kann man ja im Schneideraum zum Besseren verändern. Besonders ans Herz gewachsen ist mir die Figur Rupert. Barnaby Metschurat spielt sie großartig. Wenn ich schreibe, habe ich manchmal das Gefühl, er sieht mir über die Schulter und flüstert mir Dialoge ein.
"Ostfriesenfluch" beginnt mit einer dramatisch inszenierten Frauenleiche im Rapsfeld - wie sind Sie auf diese Eröffnungsszene gekommen, und welche Symbolik steckt für Sie dahinter?
Wolf: Eine Leiche an einen unwirtlichen Ort zu legen, in eine düstere Garageneinfahrt oder einen verfallenen Schuppen, finde ich langweilig. An solchen Orten erwarte ich doch eh nichts Gutes. Aber wenn die Rapsfelder blühen, die Landschaft erwacht und das Leben sich selbst feiert, wenn das Summen der Insekten wie eine eigene Musik erklingt, dann ist eine Leiche der größte denkbare Widerspruch. Kunst lebt vom Kontrast. Als ich mit meiner Romanreihe begann, habe ich gesagt, ich werde meine Leichen an die schönsten Orte der Welt legen. Ein paar davon sind in Ostfriesland.
Wo finden Sie generell Inspiration für Ihre Geschichten?
Wolf: Ich muss die Orte immer genau kennen, in den Lokalen gegessen und mir die Gegend erwandert haben. Dann erst werden es für mich Handlungsorte. Ich rede viel mit Kripoleuten und mache auch Lesungen in Gefängnissen. Ich kenne also beide Seiten. Auch mit Opfern von Verbrechen führe ich Gespräche. Ich glaube, das prägt meine Texte.
In Ihren Geschichten steckt oft mehr als nur Spannung, sie zeichnen auch ein Bild gesellschaftlicher Abgründe. Wie wichtig ist Ihnen das?
Wolf: Wirklich gute Kriminalromane sind kein Foto, sondern ein Röntgenbild. Der Kriminalroman ist die eigentlich relevante Gesellschaftsliteratur unserer Zeit. Ich kann in die seelischen Abgründe steigen und die Risse ausloten, die durch unsere Gesellschaft gehen.
Was wäre Ihr persönlicher "Ostfriesenfluch" - eine kleine Marotte oder Eigenart, die Sie nie ganz loslässt?
Wolf: Ich gehe auf lange Tourneen und lese aus meinen Romanen vor. Ich liebe das sehr. Vorher gehe ich immer noch einmal im Café ten Cate [in Norden, Ostfriesland, Red.] frühstücken. Dies ist auch ein wichtiger Handlungsort meiner Bücher. Den ersten Roman, "Ostfriesenkiller" [2007], habe ich komplett dort geschrieben. Wenn ich dort Lokalverbot bekäme, das wäre eine Katastrophe für mich. Ich hoffe, das passiert nicht, denn in meinem neuen Roman wird auf den Besitzer, Jörg Tapper, geschossen. Mögen er und seine Frau es mir verzeihen. Übrigens spielt Jörg Tapper sich in den Filmen selbst. Er ist eine der real existierenden Figuren aus meinen Büchern.
Der Krimi "Ostfriesenfluch" wird am 5. April um 20:15 Uhr im ZDF ausgestrahlt. "Ostfriesenhölle" und "Ostfriesen Totenstille" laufen am 18. und 25. April. Nachschub gibt es auch in Buchform: Klaus-Peter Wolfs jüngster Roman "Ostfriesennebel" ist Ende Januar erschienen und "Mörderisches Paar. Der Sturz" wird am 21. Mai veröffentlicht.