Mütter in der Politik: "Karrieren scheitern oft, weil der Partner nicht mitzieht!"
Nach Baerbock-Abschied bloß nicht entmutigen lassen: Sarah Zöllner erklärt Müttern wie der Einstieg in die Politik gelingt und wieso Frauen dringend mehr partnerschaftliche Unerstützung brauchen

Nach Baerbock-Abschied bloß nicht entmutigen lassen: Sarah Zöllner erklärt Müttern wie der Einstieg in die Politik gelingt und wieso Frauen dringend mehr partnerschaftliche Unerstützung brauchen
BRIGITTE: Annalena Baerbock hat gerade bekannt gegeben, dass sie keine Spitzenposition in der Politik mehr anstrebt – um mehr Zeit für ihre Töchter zu haben. Ist die Vereinbarkeit von Familie und Karriere für Frauen endgültig gescheitert?
Sarah Zöllner: Wir tendieren dazu, Frauen in beruflichen oder politischen Spitzenpositionen als eine Art Ausnahmeerscheinung wahrzunehmen, die etwas leisten, was "normale" Frauen eigentlich nicht können – oder sogar nicht sollen. Aber eine persönliche Entscheidung wie die von Frau Baerbock ist noch lange kein Beleg dafür, dass die Vereinbarkeit von Familie und Politik für Frauen generell nicht möglich ist. Bei einem Minister, der sein Amt niederlegt, würde niemand fragen, ob dies wegen fehlender Vereinbarkeit geschieht. Grundsätzlich denke ich aber: you can have it all ist tatsächlich eine Lüge – weil Menschen mit Kindern immer Prioritäten setzen müssen. Ohne ein starkes berufliches und privates Netzwerk geht nichts.
BRIGITTE: Im neu gewählten Bundestag beträgt der Frauenanteil gerade mal 32,4 Prozent. Annalena Baerbock hat selbst zugegeben, dass sie für ihre intensiven Jahre bei den Grünen einen "privaten Preis" bezahlt hat. Nicht gerade eine gute Werbung ...
Sarah Zöllner: Wir müssen wegkommen vom negativen Narrativ „Frauen wollen doch gar nicht in die Politik“. Frauen wollen viel – sie trauen sich nur oft nicht oder haben schlichtweg keine Zeit, weil das Gros der Care-Arbeit auf sie abgewälzt wird.
BRIGITTE: Was hält Frauen davon ab, in die Politik zu gehen?
Sarah Zöllner: Kinderbetreuungskosten und fehlende bezahlte Kinderbetreuung während politischer Sitzungen und Veranstaltungen sind Hürden. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass Alleinerziehende oder Eltern mit kleinen Kindern abends an Sitzungen teilnehmen können. Warum keine digitalen oder hybriden Sitzungen ermöglichen? Eine Mutter ist nicht allein dafür verantwortlich, ihr Privatleben so zu organisieren, dass sie ein politisches Amt bekleiden kann. Parteien, Gremien, Arbeitgeber, aber auch Partner:innen müssen daran mitwirken, dass gleiche Chancen für alle herrschen.
BRIGITTE:Während meiner Elternzeit verspürte ich zum ersten Mal das Bedürfnis, mich politisch zu engagieren. Aber als mein Sohn auf der Welt war und ich wieder anfing zu arbeiten, schob ich die Idee aus Selbstschutz erstmal von mir weg. Ein Fehler?
Sarah Zöllner: Ich möchte alle Frauen ermutigen: Traut euch! Eine politische Spitzenposition, wie Baerbock sie innehatte, ist vom zeitlichen Aufwand her nicht mit der Mitarbeit in einem Ausschuss des örtlichen Gemeinderats, der Tätigkeit als Stadträtin oder als gewöhnliches Mitglied des Land- oder Bundestages vergleichbar. Überfordert euch nicht sofort mit hohen Zielen, sondern beginnt sie in einem Rahmen, in dem ihr euch wohl und sicher fühlt. Politik wird oft mit abendlichen Sitzungen bis spät in die Nacht assoziiert, was schwer vereinbar ist. Aber es gibt viele andere Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren, zum Beispiel in Ausschüssen und Beiräten, Initiativen oder Verbänden. Politik für Mütter muss damit verknüpft sein, dass man auch etwas für sich gewinnt. Nur, wenn euch euer Engagement Spaß macht, bleibt ihr dauerhaft dabei!
© Ulrike Helmer
BRIGITTE: Warum sind Mütter besonders gut für politische Ämter geeignet?
Sarah Zöllner: Als Mütter – und überhaupt Menschen, die täglich für andere sorgen – sind wir geübt darin, den Alltag unterschiedlicher Menschen virtuos zu koordinieren, bringen die Fürsorge für Angehörige, Erwerbsarbeit und häufig zusätzlich ehrenamtliches Engagement unter einen Hut. Wir besitzen Durchsetzungsstärke, Organisationstalent und haben gelernt, herausfordernde Situationen unter zeitlichem und emotionalem Druck zu meistern – alles Qualitäten, die in der Politik von Vorteil sind. Darüber hinaus sind wir meist hervorragende Netzwerkerinnen, verfügen durch Schule oder Kindergarten, durch Sportvereine und natürlich durch unseren Beruf über Zugang zu verschiedensten gesellschaftlichen Kreisen und wissen damit sehr genau, was die Menschen in unserem Umfeld bewegt.
BRIGITTE: Machen Mütter eine andere Politik?
Sarah Zöllner: Mütter denken anders: Wo wird die neue Schule gebaut? Ist die Investition in das Vereinsheim oder in ein Eltern-Kind-Café wichtiger? Wie wird bezahlbarer Wohnraum für Familien geschaffen? Über all diese Punkte entscheiden in der Kommunalpolitik viel zu oft Menschen, die kaum Berührungspunkte mit Care-Arbeit haben. Kein Wunder, dass wichtige familienpolitische Entscheidungen viel zu oft als nebensächlich betrachtet werden. Mütter haben einen Blick dafür, dass unsere Gesellschaft vielfältig ist und dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben.
BRIGITTE: Wie gelingt der Einstieg in die Politik? Du hast mit einem Blog begonnen, in dem du über deinen Alltag als Alleinerziehende schreibst.
Sarah Zöllner: Das konnte ich gut mit meinem Muttersein vereinbaren: statt abends Serien zu schauen, habe ich Blogposts geschrieben. Daraus ergab sich der nächste Schritt: die Vernetzung mit anderen Müttern in ähnlichen Situationen. Ich gründete einen Stammtisch für Alleinerziehende. Wir trafen uns auf dem Spielplatz und gestalteten unser direktes Umfeld.
BRIGITTE: Was möchtest du Müttern mitgeben, die sich noch nicht trauen?
Sarah Zöllner: Frauen, schaut, wo euer Einflussbereich ist, was ihr selbst tun könnt. Nehmt euch als wirksam wahr! Ihr seid es schon in der Familie, aber auch in der Gesellschaft. Politisch aktiv zu werden macht nicht nur Sinn, sondern kann auch Spaß machen. Sucht euch den Rahmen, in dem das mit euren Ressourcen, eurer Zeit und eurer Kraft möglich ist.
BRIGITTE: Wie finde ich heraus, welches Engagement das Beste für mich ist?
Sarah Zöllner: Es geht darum, welche Fähigkeiten man bereits mitbringt und wo man Zugang zu anderen Menschen hat, beispielsweise im Sportverein oder über Schule oder Kita der Kinder. Geh raus und mache es auf deine Weise! Wichtig ist, sich bewusst zu machen, was man will, wo man anknüpfen kann, wer unterstützt und dann Schritt für Schritt nach vorne zu gehen. Das kann im Kleinen beginnen, etwa mit einem Vorschlag beim Sommerfest im Kindergarten. Überfordere dich nicht, sondern starte in einem Rahmen, in dem du dich sicher fühlst.
BRIGITTE: Viele Mütter haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie eine Betreuungsperson organisieren, um etwas "nur" für sich zu tun – auch gegenüber dem Partner.
Sarah Zöllner: Ich ermutige Mütter stark, sich selbst wichtig zu nehmen und sich die Zeit dafür zu nehmen, gegebenenfalls mit Unterstützung des Partners oder anderer Bezugspersonen. Zeit für sich wird oft nur als Mittel zum Zweck gesehen, um als Mutter besser zu funktionieren. Aber gesellschaftliches Engagement ist nicht nur für einen selbst wertvoll, auch wenn es nicht sofort einen direkten Nutzen für die Familie zu haben scheint. Der Partner muss dann mehr übernehmen, was möglicherweise eine Verhandlungssache sein kann.
BRIGITTE: Kenne ich.
Sarah Zöllner: Man muss sich als Frau und Mutter dennoch den Raum für eigene Ziele erlauben. Auf persönlicher Ebene bringt das neue Impulse in Partnerschaft und Familie und stärkt diese, weil man eine interessante, offene Frau bleibt, die sich selbst nicht verliert. Auf einer gesellschaftlichen Ebene ist es wertvoll, weil man Kindern vorlebt, dass es wichtig ist, aktiv zu werden und etwas zu gestalten. Man kommt gestärkt zu seinen Lieben zurück und lebt ihnen vor, dass man für sie da ist, aber auch für sich selbst.
BRIGITTE: Scheitern politische Karrieren von Frauen also oft, weil ihr Partner nicht mitzieht?
Sarah Zöllner: Selbst wenn Müttern der Einstieg in die (Kommunal-)Politik gelingt, verfügen sie oft nicht über die partnerschaftliche Unterstützung, die für die politische Karriere nötig wäre. Schlicht, weil ihr Partner weniger Zeit in die Kinderbetreuung investiert. Hier ist ein Umdenken auch innerhalb der Paarbeziehungen nötig. Politikerinnen mit kleinen Kindern gelingt oft nur aufgrund mithelfender Großeltern und weiterer Verwandten der Einstieg in die Politik.
BRIGITTE: Ein Privileg.
Sarah Zöllner: Was aber bedeutet das für alleinerziehende Politikerinnen oder Frauen, die über diesen familiären Rückhalt nicht verfügen? Ihre Doppelbelastung als "Privatsache" abzutun, widerspricht dem Grundsatz der Chancengleichheit. Vielmehr müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die jedem Menschen – unabhängig von dessen privaten Lebensumständen – ein gesellschaftspolitisches Engagement ermöglichen. Solange keine Gleichberechtigung bei der Care-Arbeit herrscht, haben Frauen keine Zeit für ein Ehrenamt.
BRIGITTE: Was stärkt Mütter so weit, dass sie für ein politisches Amt kandidieren können – und dieses auch erfolgreich ausüben?
Sarah Zöllner: Man könnte Rentenpunkte für ehrenamtliches politisches Engagement anrechnen oder eine Pauschale zahlen, die den finanziellen Ausgleich für die Dreifachbelastung von Familie, Beruf und Ehrenamt berücksichtigt. Auch Arbeitgeber sollten flexible Arbeitszeiten ermöglichen. Nur, wenn wir mehr Mütter in die Entscheidungspositionen bekommen und parteiinterne Seilschaften durchbrechen, kann sich langfristig etwas ändern.
BRIGITTE: Was wünschst du dir von der neuen Regierung?
Sarah Zöllner: Männer, macht Frauenthemen zu euren Themen! Sowohl im Privaten als auch im Öffentlichen. Stichwort Equal Care: Schafft endlich Gesetze und Rahmenbedingungen wie die Abschaffung des Ehegattensplittings, die Erhöhung des Elterngeldes oder die Väterfreistellung nach der Geburt, die ermöglichen, die Arbeit in der Familie gleichberechtigt zu verteilen. So können Frauen finanziell unabhängig sein, gesellschaftlich mitgestalten und haben Raum und Zeit dafür. Das ist sehr wichtig. Außerdem müssen Themen wie die Abschaffung des Paragraf 218 oder die Finanzierung von Frauenhäusern, die die Selbstbestimmung und den Schutz vor Gewalt von Frauen betreffen, umgesetzt werden.
Sarah Zöllner ist freie Journalistin und Autorin. 2020 erschien ihr erstes Buch "Alleinerziehend – und nun?", danach "Mütter. Macht. Politik", das sich mit der gesellschaftlichen Stellung von Müttern und Menschen, die Fürsorgeverantwortung übernehmen, kritisch auseinandersetzt. Sie startete die Initiative #MütterMachtPolitik sowie die Aktions- und Vernetzungsplattform muetter-macht-politik.de. Mehr Infos: https://sarahzoellner.com/, https://www.muetter-macht-politik.de/