Mütter als Hilfslehrerinnen?: "Läuft es nicht, werden mit den Noten der Kinder gleich die Mutterqualitäten bewertet"

Dass sich gerade Mütter genötigt fühlen, auszubügeln, was ein marodes Bildungssystem nicht leistet: Diese Erfahrung hat auch Anke Willers gemacht. Dabei geht es doch anders, oder?

Apr 1, 2025 - 15:22
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Mütter als Hilfslehrerinnen?: "Läuft es nicht, werden mit den Noten der Kinder gleich die Mutterqualitäten bewertet"

Dass sich gerade Mütter genötigt fühlen, auszubügeln, was ein marodes Bildungssystem nicht leistet: Diese Erfahrung hat auch Anke Willers gemacht. Dabei geht es doch anders, oder?

Das Gefühl, das ich hatte, als unsere jüngere Tochter ihr Abschlusszeugnis bekam

Ich war unfassbar erleichtert. Es war, als würde nicht nur sie, sondern auch ich nach über zehn Jahren Fron in die Freiheit entlassen. Endlich sollte Schluss sein mit dem Schulstress, der unser Familienleben enorm belastet hatte. Dem lädierten Selbstwertgefühl wegen vergeigter Klassenarbeiten. Den blöden Münchner Partygesprächen, bei denen ich gefragt wurde: "Und, auf welchem Gymnasium seid ihr?" Und dem "Oh …", das ich kassierte, wenn ich sagte: "Auf gar keinem, 'wir' sind auf der Realschule …"

Oft kam es mir vor, als sei ich dreimal zur Schule gegangen: einmal selbst als Kind und dann zweimal mit meinen Töchtern – jahrelang saß ich mit ihnen und irgendwelchen Übungsbüchern am Küchentisch, Geschrei und Verzweiflung inklusive. Ich wollte das nicht. Ich wollte nicht der verlängerte Arm der Schule werden. Aber dann, nachdem ich begriffen hatte, dass meine Töchter nicht gut klarkamen mit der hiesigen Pauk- und Prüfschule, mutierte ich doch zur Hilfslehrerin. Schließlich halfen fast alle zu Hause.

Dazu kam diese unterschwellige Botschaft, die vor allem uns berufstätigen Müttern galt: Lief es, hatten wir alles richtig gemacht und durften im Job sogar durchstarten. Lief es nicht, wurden mit den Noten der Kinder auch gleich unsere Mutterqualitäten bewertet: Klar, war zu viel mit der Karriere beschäftigt, hat sich zu wenig gekümmert. Setzen, sechs!

Eine große sozialwissenschaftliche Untersuchung mit dem Titel "Eltern-Lehrer-Schulerfolg" brachte mein Gefühl damals auf den Punkt: Die deutsche Schulkultur erzeuge in den Familien nicht nur enormen Stress, sondern setze auch auf Teilzeitmütter und begünstige so die Retraditionalisierung der Frauenrolle, lautete ein Teil-Fazit.

Hat sich daran in den letzten Jahren denn was geändert?

Nein, denn wir Hilfslehrerinnen versuchen an der Oberfläche etwas glatt zu ziehen, was im Kern schon lange nicht mehr trägt. Unser Schulsystem ist krank. Lehrkräfte sind überlastet, schreiben Brandbriefe, Mobbing und Gewalt nehmen zu, wie der Fall einer Berliner Schule jüngst mal wieder deutlich gemacht hat. Gebäude bröckeln, viele Kinder haben Sprachprobleme und wir Eltern sehr unterschiedliche Ressourcen und Erwartungen. Vor allem aber ist da eine Lern- und Lehrkultur, die nicht mehr in die Zeit passt. Und die Ergebnisse liefert, mit denen niemand zufrieden sein kann. So schnitten die deutschen Kinder bei der letzten Pisa-Studie schlechter ab denn je. Und eine aktuelle, repräsentative Befragung für "Das Deutsche Schulbarometer" der Robert Bosch Stiftung zeigt: Nur acht Prozent fühlen sich in der Schule richtig wohl.

Doch es gibt sie, die Ideen, wie es für alle besser laufen könnte.

Und sie sind sogar gelebte Realität. Auch im öffentlichen System – also jenseits privater Reformschulen. Jedes Jahr werden ein paar dieser Leuchttürme beim renommierten Deutschen Schulpreis ausgezeichnet (Infos: deutscher-schulpreis.de/preistraeger). Dann tauchen sie kurz in der Öffentlichkeit auf und werden – auch von hochrangigen Bildungspolitikerinnen und -politikern – beklatscht. Um gleich danach wieder hinter dem Schultor zu verschwinden.

Ein Riesenfehler, vielleicht sogar der größte Skandal! Denn diese Schulen wären die Blaupause für das, was sich ändern müsste, wenn wir bessere Leistungen haben und Druck aus dem Kessel nehmen wollen.

"Unsere Kinder leben heute in einer völlig anderen Welt als frühere Generationen", betont Stefan Ruppaner, bis vor Kurzem Leiter der baden-württembergischen Alemannenschule, die schon zweimal beim Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde. "Aber wir malträtieren sie vielerorts mit einem Schulsystem, das aus dem letzten Jahrhundert ist."

Tatsächlich ist der Frontalunterricht, bei dem alle Kinder zur selben Zeit dasselbe lernen sollen, immer noch Standard. Ebenso benotete Tests, für die man möglichst viel in sich hineinschaufelt, um es kurz darauf auszuspucken – und wieder zu vergessen. "Dieser Einheitsbrei und diese Zwingerei bringen nichts", sagt Ruppaner, der über seine Erfahrungen auch in einem aktuellen Buch "Das könnte Schule machen" (240 S., 18 Euro Rowohlt Polaris) berichtet, "Das ist nicht nachhaltig, zerstört die Eigenmotivation und macht Schule für alle Beteiligten zur Last."

Zukunftsfähig mit Blick auf das, was die Kinder später im Job und im Leben brauchen, ist das Ganze auch nicht. Denn während wir uns Faktenwissen jederzeit aus dem Netz holen können, werden die sogenannten 21st Century Skills, die Fähigkeiten fürs 21. Jahrhundert, immer wichtiger: kritisches schlussfolgerndes Denken, kommunikative und kreative Fähigkeiten, digitales Know-how, Team-Arbeit, Veränderungskompetenz.

Traditioneller Unterricht verhindere den Erwerb all dieser Fähigkeiten, sagt Stefan Ruppaner – in seiner Schule hat er ihn deshalb schon vor Jahren abgeschafft, zusammen mit anderen Heiligtümern der deutschen Schulkultur.

Ob mehr oder weniger radikal: Die innovativen Ansätze haben eines gemeinsam.

Sie eint dieser andere Blick: Sie sehen, was Schule sein kann: ein Lernort, der einlädt und inspiriert. An dem sich Kinder ohne Angst vertiefen und Wissen im Hirn verankern können: durch Probieren, Erleben, Üben. Klar, dass dabei auch die Lehrkräfte eine andere Rolle spielen. Statt vorn die Alleinunterhaltenden zu geben und zu disziplinieren, sind sie vor allem da, um Kinder beim Lernen zu begleiten und ihnen zu helfen, sich selbst zu organisieren. Im besten Fall erhalten sie dabei Unterstützung. Von Ehrenamtlichen etwa. Aber auch von Eltern, die sich als Verbündete erleben. Und nicht als Gegnerinnen und Gegner.

Viele dieser öffentlichen Leuchtturmschulen haben einen langen Prozess hinter sich, stets auf der Suche nach Lücken im System und mitunter im Graubereich gesetzlicher Vorgaben. Auch sie liegen in Brennpunktvierteln, haben Personalnot, marode Gebäude. Auch sie müssen sich an Lehrpläne halten. Und doch zeigen sie, dass Kinder ohne ständigen Zwang überdurchschnittliche Ergebnisse erreichen. Weil sie die Lust am Lernen nicht schon in der dritten Klasse verloren haben.

Höchste Zeit also, dass wir Eltern lauter werden und mehr von diesen Zukunftsschulen fordern. Für unsere Kinder wäre das hilfreicher als ein weiterer Sonntagnachmittag mit Mathe-Arbeitsblättern und Geschrei am Küchentisch. Und für Mütter im unfreiwilligen Hilfslehrerinnenmodus sowieso.