BRIGITTE-Buch der Woche: "Dream Count": Von der Sehnsucht, erkannt zu werden

Jede Woche kürt die BRIGITTE-Redaktion aus den aktuellen Neuerscheinungen auf dem deutschen Markt ein Lieblingsbuch. Diesmal hat uns "Dream Count" von Chimamanda Ngozi Adichie überzeugt.

Apr 3, 2025 - 14:49
 0
BRIGITTE-Buch der Woche: "Dream Count": Von der Sehnsucht, erkannt zu werden

Jede Woche kürt die BRIGITTE-Redaktion aus den aktuellen Neuerscheinungen auf dem deutschen Markt ein Lieblingsbuch. Diesmal hat uns "Dream Count" von Chimamanda Ngozi Adichie überzeugt.

"Sie konnte nicht wissen, dass ich heimlich davon träumte, einen Roman zu schreiben, aber es fühlte sich wie ein unfairer Hieb an, so abzutun, was ich fühlte, was auch immer es war, indem sie es Fiktion nannte. Warum ist ein Roman überhaupt eine Metapher für unrealistisch? Romane haben sich für mich immer wahrer angefühlt als das, was real war."

Das denkt Chiamaka, genannt Chia, eine der Protagonistinnen in Chimamanda Ngozi Adichies neuem Roman "Dream Count"und fasst damit sehr gut zusammen, was sie als Figur ausmacht, nämlich eine gewisse Losgelöstheit von der Realität. Aber gleichzeitig beschreibt sie auch den universellen Zauber des Lesens – denn durch fiktive Charaktere und Handlungen lassen sich viele Ideen und Gedanken oft spielerischer und subtiler erzählen als durch Sachbücher. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum die Autorin nach zwölf Jahren wieder einen Roman veröffentlicht.

Unser Buch der Woche: Worum geht's?

"Dream Count" wird aus den Perspektiven von vier afrikanischen Frauen erzählt. Die gebürtige Nigerianerin und Wahl-Amerikanerin Chia versucht seit Jahrzehnten, sich als Reisejournalistin und -autorin zu etablieren – mit mäßigem Erfolg. Glücklicherweise kann sie dank des großzügigen Unterhalts ihres wohlhabenden Vaters einen Großteil ihrer Zeit damit verbringen, durch die Welt zu reisen und nach der großen Liebe zu suchen. Zu Beginn des Romans beginnt sie mit einer Art Bestandsaufnahme ihrer vergangenen Beziehungen, ihrem "Dream Count".

Zikora lebt wie ihre Freundin Chia in Washington, D.C., arbeitet aber als Anwältin und fühlt sich stark unter Druck, möglichst schnell zu heiraten und Mutter zu werden. Ihre Familie in Nigeria erinnert sie beinahe täglich an ihre biologische Uhr, die mit Mitte 40 immer lauter tickt, aber auch ihr eigener Kinderwunsch ist stark ausgeprägt.

Omelogor ist ebenfalls Nigerianerin, Chias Cousine und lebt als einzige der vier Protagonistinnen noch in ihrem afrikanischen Heimatland, genauer gesagt in der Hauptstadt Abuja, wo sie als Bänkerin gut verdient und ein bequemes Leben führt. Sie hat weder Partner:in noch Kinder – aber so langsam kommt doch ein Wunsch nach Mutterschaft in ihr auf.

Chias Haushälterin Kadiatou ist mit ihrem Freund und ihrer kleinen Tochter aus Guinea in die USA geflüchtet und möchte nichts anderes als ein ruhiges und sicheres Leben. Als sie schon viele Jahre in Washington lebt, wird sie Opfer eines sexuellen Übergriffs – dessen Folgen ihr Leben vollkommen auf den Kopf stellen.

Chimamanda Ngozi Adichie bringt die weibliche Erfahrung auf den Punkt

"Dream Count" spielt eigentlich zur Zeit der Corona-Lockdowns, wird aber über große Teile in Rückblicken der einzelnen Protagonistinnen erzählt. Chimamanda Ngozi Adichie schafft es, wie schon in ihrem Roman "Americanah", sowohl die Perspektive von Afrikaner:innen in der Welt zu beleuchten, als auch die universelle menschliche – und vor allem weibliche – Erfahrung mit allen schönen wie herausfordernden Aspekten in ihrem unaufgeregten und klugen Stil zu zeichnen.

Der Wunsch, eine Familie zu gründen oder eine Person zu finden, die einen "wirklich erkennt", wie Chia es ausdrückt, der Druck, den Erwartungen der Eltern gerecht zu werden, ohne sich selbst dabei aus den Augen zu verlieren, oder schlicht und einfach das Bedürfnis, ein sicheres und gutes Leben zu führen – unabhängig von der Herkunft: All das bringt Adichie auf sensible, aber völlig unkitschige Art und Weise in "Dream Count" zum Ausdruck.

Dabei lässt die Autorin ihre Protagonistinnen auch mal kontroverse oder provozierende Dinge sagen, die Einblicke in die Lebensrealität von Afrikaner:innen sowohl in der Heimat als auch im Ausland geben – ohne dabei belehrend zu wirken.

Was macht es zum BRIGITTE-Buch der Woche?

"Dream Count" ist kluger und bewegender Roman über vier Frauen, die man als lesende Person nicht immer sympathisch findet, aber mit denen man sich doch verbinden kann – so groß die Unterschiede in Herkunft und Erfahrungen auch sein mögen. Denn das menschliche Bedürfnis nach Verbindung ist universell, oder wie Chia es ausdrückt: "Wenn du dein Leben lebst und stirbst, ohne von einer Person wirklich erkannt worden zu sein, hast du dann überhaupt gelebt?"

Und auch wenn Chias Freundinnen und Familie sich ein wenig über ihr Luftschloss und den Traum der einen großen Liebe lustig machen, können sich die meisten von uns doch irgendwie damit identifizieren – auch wenn dieses "Erkanntwerden", von dem sie spricht, sich eben nicht immer auf die romantische Liebe beziehen muss.