Psychotherapeutin Patrick Gagne: "Die Leute wollen glauben, dass alle Soziopathen Monster sind"

Die promovierte US-Psychotherapeutin Patric Gagne ist diagnostizierte Soziopathin. In ihren Memoiren will sie mit den Vorurteilen über die dissoziale Persönlichkeitsstörung aufräumen. Denn: "Nicht alle Soziopathen sind Schreckgespenster." 

Apr 3, 2025 - 11:16
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Psychotherapeutin Patrick Gagne: "Die Leute wollen glauben, dass alle Soziopathen Monster sind"

Die promovierte US-Psychotherapeutin Patric Gagne ist diagnostizierte Soziopathin. In ihren Memoiren will sie mit den Vorurteilen über die dissoziale Persönlichkeitsstörung aufräumen. Denn: "Nicht alle Soziopathen sind Schreckgespenster." 

Ted Bundy, Jeffrey Dahmer und Charles Manson. Skrupellose Verbrecher, Serienmörder – und diagnostizierte Soziopathen. Es verwundert nicht, dass ihre Lebensgeschichten großes mediales Aufsehen erweckten. Sie zeigen menschliche Abgründe auf, die uns schaudern lassen, aber gleichzeitig fast aufzwingen, mehr erfahren zu wollen. Der Soziopath als die Verkörperung des Bösen hält sich seitdem hartnäckig in der Gesellschaft. 

"Ja, die Leute wollen glauben, dass alle Soziopathen Monster sind", bestätigt Patric Gagne gegenüber "New York Times". Die Vorstellung, dass ein gewalttätiger Soziopath direkt nebenan wohnen und nur darauf lauern könnte, zuzuschlagen, hat die öffentliche Wahrnehmung stark beeinflusst. "Ich will gar nicht sagen: 'Manchmal tun wir schlimme Dinge, aber im Inneren sind wir ganz nett. Ich sage nur, dass dieser Persönlichkeitstyp mehr zu bieten hat", so die Psychologin. 

"Ich bin eine Soziopathin"

Patric Gagne ist promovierte Psychologin, Therapeutin – und Soziopathin. In ihrer Autobiografie mit gleichnamigem Titel will sie mit den gängigen Vorurteilen über die dissoziale Persönlichkeitsstörung aufräumen. Schon während ihres Studiums habe sie sich über die mediale Darstellung von Soziopathie geärgert, die nun mal maßgeblich daran beteiligt ist, dass viele mit der psychiatrischen Störung hauptsächlich Mordlust und Zerstörungswut assoziieren und im nächsten Schritt an Serienmörder denken. 

Dabei lebt laut Gagne eine von zwanzig Personen in den USA mit der Persönlichkeitsstörung, aber unentdeckt, also ohne Diagnose. Schätzungsweise wären dort knapp 30 Millionen Menschen auf dem soziopathischen Spektrum. Das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) geht davon aus, dass weltweit etwa drei bis sieben Prozent der Männer und ein bis drei Prozent der Frauen an einer Antisozialen Persönlichkeitsstörung leiden. Dazu sollte gesagt werden, dass die Studienlage teils ungenau und veraltet ist. 

Zu geschlechtsspezifischen Unterschieden gibt es bislang kaum Forschung. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass sich soziopathische Züge bei Frauen womöglich anders äußern als bei Männern und sie daher eher unter dem gesellschaftlichen Radar verschwinden lassen. 

Zudem sind die wenigsten von ihnen skrupellose und gefühlskalte Straftäter:innen, wie sie in Serien und Filmen oft dargestellt werden, sondern einfach Kolleg:innen, Nachbar:innen und sogar Freund:innen. "Die Leute wollen glauben, dass man einen Soziopathen erkennen kann, aber wir lernen schon in jungen Jahren – zumindest ich –, zu verbergen, dass wir uns nicht wie andere fühlen – und destruktives Verhalten als Bewältigungsmechanismus zu nutzen", erklärt Gagne.

Was steckt dahinter? 

Per Definition versteht man unter Soziopathie eine dissoziale oder antisoziale Persönlichkeitsstörung, die durch eine ausgeprägte Diskrepanz zwischen dem Verhalten und den geltenden sozialen Normen gekennzeichnet ist. Typische Merkmale sind: mangelnde Empathie, also die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in andere hineinzuversetzen und Mitgefühl zu empfinden, Missachtung sozialer Normen und Regeln, sowie eine Tendenz zu aggressivem oder impulsivem Verhalten. Dabei variieren diagnostische Kriterien sehr stark und je nach Schule der Psychiatrie wird der Begriff heute gar nicht mehr verwendet.

Auch die Autorin versichert, dass die mit Soziopathie verbundenen Probleme in der Tat nicht so toll seien, das sei aber eben nur ein Teil der Geschichte: "Was fehlt, ist, dass man ein Soziopath sein und eine gesunde Beziehung führen kann. Man kann ein Soziopath sein und gleichzeitig gebildet sein. Das ist für manche Menschen eine sehr unangenehme Realität." In ihren Memoiren erzählt Patric Gagne also ihre Geschichte, mit dem Wissen, dass da draußen viele Menschen wie sie sind, die von einer Entstigmatisierung des Störungsbildes profitieren würden. 

Ihr Anderssein bemerkte sie früh 

Schon als Kind neigte die Autorin zu impulsiven Handlungen und Gewaltausbrüchen. Im Buch beschreibt sie ihr Verhalten als Kompensation für ihre emotionale Apathie. "Manche Gefühle – wie Freude und Wut – kamen ganz natürlich bei mir auf, wenn auch eher sporadisch. Die sozialen Gefühle, die wir durch unser Umfeld erlernen – wie Schuld, Empathie, Reue oder sogar Liebe – jedoch nicht", so die Autorin. Die meiste Zeit hätte sie einfach nichts gefühlt, weswegen sie eben 'schlechte' Sachen getan hätte, um das Nichts zu vertreiben. 

Einmal rammte sie einer Mitschülerin einen Bleistift in den Kopf, ein anderes Mal drückte sie eine kleine Katze so fest, dass diese fast gestorben wäre. Das alles nur, um "den Druck in ihrem Kopf zu lösen", erklärt die Autorin. Erst viel später stellte sie fest, dass ihr Drang, gewalttätige oder gefährliche Taten zu begehen, Handlungen ähnelt, die Menschen mit einer Zwangsstörung erfahren. Symptome, die sich mit Verhaltenstherapie behandeln lassen. Mittlerweile führe sie deswegen in solchen Druck-Situationen einen inneren Dialog mit sich selbst. Der laute ungefähr so: "Willst du das wirklich tun? Oder willst du dein Leben weiterführen, das erfordert, dass du solche zerstörerischen Dinge nicht tust?" Das halte sie von destruktivem Verhalten ab.  

"Ich bin Ehefrau und Mutter"

Soziopath:innen wird oft nachgesagt, sie könnten keine echten Bindungen eingehen. Auch die US-Psychologin Martha Stout schreibt in ihrem Buch "Der Soziopath von nebenan: So überlisten Sie ihn": "Wenn seine Partnerin überhaupt einen Wert für ihn hat, dann nur, weil er sie als seinen Besitz betrachtet, den zu verlieren ihn vielleicht wütend machen würde, aber niemals wirklich traurig." Patric Gagne widerlegt dieses Bild, denn sie hat einen Ehemann und zwei Kinder, die sie nach eigenen Angaben sehr liebt. 

Buchcover: "Soziopathin"
Patric Gagne ist Autorin, Therapeutin und Fürsprecherin für Menschen, die an einer soziopathischen Persönlichkeitsstörung leiden. In den USA wurde die Originalausgabe von "Soziopathin: Meine Geschichte" zum New York Times-Bestseller. Erschienen am 26. März 2025 im Goldmann Verlag.
© PR

Die Art und Weise, wie sie Liebe erlebe unterscheide sich einfach stark von der neurotypischen Erfahrung, erzählt sie im Interview mit der "New York Times". "Weniger emotional, eher symbiotisch. Also eine Beziehung, die beiden Beteiligten zugutekommt." Folglich hätte sie nie diese überwältigenden, romantischen, blumigen Gefühle gehabt, aber als sie ihren heutigen Ehemann kennenlernte, dennoch gewusst, dass dieser eine wichtige Rolle in ihrem späteren Leben spielen würde. Genauso sei es mit ihren Kindern gewesen. Die Verbindung sei nicht angeboren gewesen, aber die Liebe erlernbar.

So etwas wie natürliche emotionale Bindungen zu anderen Menschen kenne sie nicht. Sie habe aber auch nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. "Nur weil ich anders liebe, heißt das nicht, dass meine Liebe nicht zählt", sagt die Expertin. Mit ihren Memoiren möchte sie Soziopathie nicht romantisieren, vielmehr darüber aufklären, dass die psychologischen Merkmale nicht grundsätzlich und ausschließlich schlecht sind. "Mangelnde Reue, Scham und Schuldgefühle können zwar missbraucht werden, aber nur weil du mir egal bist, heißt das nicht, dass ich dir Schmerz zufügen möchte."